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Lernen als begrifflicher Wandel

Was ist "begrifflicher Wandel"?

Grundschulkinder besitzen Vorwissen im naturwissenschaftlichen Bereich. Ausgehend von ihrem Alltagswissen haben sie bereits Vorstellungen zu Phänomenen und Begriffen aus dem Bereich der Naturwissenschaften. Diese weichen jedoch oft von den naturwissenschaftlich korrekten Vorstellungen ab (vgl. Jonen 2003, Sodian 2007).
Ging man nach dem Phasenmodell von Piaget noch davon aus, dass der Lernforschritt von Kindern im Grundschulalter (konkret-operationale Phase) in diesem Bereich eher langsam sei, so wurde in den 80er Jahren in den USA der Ansatz des conceptual change (begrifflicher Wandel) entwickelt und insbesondere von Susan Carey im Jahr 1985 für den Altersbereich der Grundschule untersucht (vgl. Einsiedler 2002, S. 24).
Um Fehlvorstellungen zu überwinden, muss der Lerner sein Wissen grundlegend umstrukturieren bzw. neu aufbauen. Carey unterschied dabei weiche und radikale Umstrukturierungen. Als weich bezeichnete sie z. Bsp. die Ausdifferenzierungen von bestehendem Wissen. Die komplette Aufgabe von falschen Konzepten bezeichnete sie als radikale Umstrukturierung. Carey ist der Auffassung, dass „ in einzelnen Begriffsfeldern […] auch schon sehr junge Kinder formal-logisch schlussfolgern“ können (Einsiedler 2002, S. 24).
Die begrifflichen Änderungen sind nicht als ein abruptes Wechseln von falschen zu richtigen Vorstellungen zu verstehen. Vielmehr ist ein solcher Wechsel langwierig, es können dabei auch verschiedene Vorstellungen (zum Teil auch widersprüchliche) nebeneinander existieren. So erklären neuere Untersuchungen einen Konzeptwechsel nicht mehr als ein einfaches „Ersetzen“ von Fehlvorstellungen durch naturwissenschaftlich schlüssige Vorstellungen. Carey, sowie Vosniadou und Brewer vermuteten, „dass Präkonzepte aus theorienähnlichen Strukturen bestehen, die im conceptual change Prozess durch Neuinterpretation von Alltagswissen und Integration von Wissensbestandteilen weiterentwickelt werden“ (Möller 2007, S. 261). Ausgehend von ihren Untersuchungen unterstützten sie die Annahme von Carey, dass der begriffliche Wandel „sehr bereichsspezifisch und nicht nach allgemeinen Stadienmodellen zu untersuchen ist“ (Einsiedler 2002, S. 25).

Wie kann man den begrifflichen Wandel anstoßen?

Der begriffliche Wandel muss nach Giest (2007, S. 337) von außen angestoßen werden. Es gibt unterschiedliche Wege auf denen dies geschehen kann. Da ist zum einen die Konfliktstrategie zu nennen. Dazu werden die Lernenden mit einer Aussage oder Situation konfrontiert, die sie an die Grenzen ihrer Vorstellungen bringt. Sie bemerken, dass sie mit ihrer aktuellen Vorstellung den Sachverhalt nicht mehr erklären können. Auch wenn sich dies einfach anhört, so ist es durchaus nicht trivial. Die Präkonzepte der Lerner sind heterogen und jeder Lerner kann die Aufgabenstellung entsprechend anders deuten bzw. verstehen. Wo ein Schüler an die Grenze seiner Vorstellung stößt, ist die Vorstellung eines anderen noch passend.
Somit kommt der Gestaltung der Lernumgebung eine besondere Bedeutung zu. Jonen (2003) fasst die Vorschläge unterschiedlicher Autoren zusammen. Der Unterricht soll erfahrungsorientiert sein, er soll Kindern die Chance zum explorieren / experimentieren geben. Den Kindern sollen vielfältige Möglichkeiten zum Austausch gegeben werden und Materialien wie Impulse kognitive Konflikte erfahrbar machen. Besondere Bedeutung kommt der Anregung „zum Begründen, Weiterdenken, Vergleichen, Anwenden und Zusammenfassen“ (ebd., S. 97) zu. Wichtig ist ebenfalls die Förderung metakognitiver Prozesse, also dem Nachdenken und Lernen über Naturwissenschaften. Jonen nennt als weitere Faktoren einen hohen Grad an Selbststeuerung sowie die Auswahl von für die Lerner bedeutsamen Fragen. Dies soll insbesondere die Motivation fördern. Wichtig ist, dass der Lerner dabei aber nicht zu stark sich selbst überlassen wird, da dann der conceptual change nicht stattfindet. Der Lehrer muss sowenig Hilfe wie möglich aber soviel Hilfe wie nötig geben (vgl. Möller 2007).

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